Mittwoch, 22. Juni 2011

Gedanken zur Frauenfußball-WM

Die Bundesliga-Saison ist seit Wochen beendet. Auch die unterklassigen Ligen, Landespokale und Relegationsspiele sind längst entschieden. Welche Alternativen bleiben dem geneigten Fußballconnaisseur bis zur neuen Saison Ende Juli, außer sich mit angestaubten Bundesliga-Classics-Ranglisten, kommentiert von Fredi Bobic, Roy Präger und dem unsäglichen Thomas Herrmann, im DSF (jetzt "Sport 1") bis in die Sexy Sport Clips zu retten?

Nun, so schlecht gestaltet sich das Angebot dieses Jahr nicht: Neben dem inzwischen zum Klassiker avancierten Juniorenturnier in Toulon (die treuen Zuschauer kennen die Ampelintervalle auf der Kreuzung hinter der Gegentribüne inzwischen auswendig) bietet Eurosport die volle Nachwuchsfußballdröhnung: Die U21-EM in Dänemark findet zwar ohne Deutschland statt, aber immerhin kann man sich von den Fähigkeiten des neuen Bundesliga-Ersatz-Klose oder gestandener Spieler der Primera División wie Bojan Krkic, Mata oder Jeffren überzeugen. Dass die Weißrussen das Halbfinale erreicht haben, lässt zudem den beruhigenden Schluss zu, dass die Dänen auch Nicht-EU-Bürger noch in ihr Land lassen.
Ist dieses Turnier beendet, startet die U17-WM in Mexiko gerade in ihre heiße Phase. Einschalten lohnt sich unbedingt: Im vom Charmebolzen Steffen Freund trainierten DFB-Team findet sich mit großer Wahrscheinlichkeit der ein oder andere spätere Süper-Lig-Star. Zudem zeigt sich einmal mehr, dass ein Fußball auf Kunstrasen einfach nie NIE NIE aufhört zu rollen. Das zermürbt einen beim Zuschauen, ernsthaft!

Weiter geht es im Anschluss mit der Südamerikameisterschaft in Argentinien, leider ohne japanische Beteiligung (true story, bro!). Immerhin hat sich Mexiko entschieden, auch mal an einer anspruchsvollen kontinentalen Meisterschaft teilnehmen zu wollen und schickt alle 18 Fußballer des Landes nach Argentinien, die noch keinen positiven Dopingtest aufweisen und gerade keinen Drogenkrieg austragen.

Das Finale der Copa América wird für den deutschen Fußballfan jedoch schon zur Nebensache. Schließlich kann er zur gleichen Zeit auch im eigenen Land endlich wieder hochklassigen Fußball genießen: Der FC Ingolstadt empfängt in der 2. Bundesliga Erzgebirge Aue. Ein Fest! Notfalls auch als Zusammenfassung kommentiert von Thomas Herrmann.



Samstag, 25. Dezember 2010

Reisebericht Schweden

Alexander zieht an seiner Sunderlind-Zigarette und starrt gebannt auf die glatte Wasseroberfläche des Bastov-Sees, ungefähr 80 Kilometer nördlich von Stockholm. Geschlagene drei Stunden treiben wir beide nun schon in einer Walnussschale von Fischerboot auf der Stelle. Hätte ich gewusst, dass es derart lange dauern würde, eines der angeblich köstlichen Bastov-Seepferdchen zu angeln, hätte ich wohl doch das Angebot von Marit angenommen, zum alljährlichen Massen-Schienbein-Treten nach Föderquist mitzukommen.

Aber nun sitze ich frierend hier, Dezember 2010, abseits jeglicher Zivilisation in Schweden, das Verbot der Dynamitfischerei verfluchend. Alexander ist 53, ein alter Haudegen. Wir haben uns am Abend zuvor in der Dorfkneipe in Höckersund beim klassischen schwedischen Schnaps-Snooker (man trinkt abwechselnd Kirschlikör und einen anderen Schnaps, dabei sitzt man im Vergleich zum norwegischen Schnaps-Billard an einem größeren Tisch) kennengelernt. Auch wenn er für einen Schweden erstaunlich schlechtes Englisch spricht, ist es ein geselliger Abend, an dem wohl irgendwann die heutige Angeltour vereinbart wurde.

Alexander hat früher einen Gardinenladen gehabt, erzählt er mir im Boot. Den naheliegenden schlechten Witz behalte ich dämlich grinsend für mich, Alexander versteht kein Deutsch. Als seine Versicherung nach einem Brand die Zahlungen verweigerte, musste er schließen und zog zurück nach Höckersund, das Dorf seiner Kindheit, um sein Hobby, das Seepferdchenangeln, zum Beruf zu machen. Höckersund, bis zum 16. Jahrhundert Drehkreuz des skandinavischen Fischhandels, war schon zu Zeiten der Wikinger für seine schmackhaften Bastov-Seepferdchen-Hengste bekannt. Heute arbeiten nur noch eine Handvoll Traditionalisten in diesem Gewerbe. Die jungen Leute zieht es in die Ferne. Sie suchen ihr Glück in der IT-Branche oder als Badmintonspieler in der renommierten und zahlungskräftigen schwedischen Profiliga.

„Normalerweise beißen sie schneller an“, sagt er. Er ist ungeduldig geworden. Die klirrende Kälte nimmt einem jede Lust, zu sprechen. So kauere ich schweigend auf meinem Holzbalken, deute ein Nicken an und blicke flehend auf die Angelrute, die mir Alexander überlassen hat. Nichts. Am Angelhaken steckt ein Ballen Heuschrecken. Alle 20 erfolglose Minuten müssen wir sie austauschen, da sie nach dieser Zeit jeglichen Geruch verloren haben und damit als Köder unbrauchbar werden.

Ich versinke in Gedanken an die letzten Tage, die ich in der schwedischen Pampa verbracht habe: Der Tag im dichten Nadelwald von Hydarby, der grünen Lunge Schwedens, die täglich um die Fläche zweier Fußballfelder größer wird. Der Besuch beim königlichen schwedischen Curling-Internat, in dem Curling-Talente täglich vier Stunden Taktiken pauken, um letztlich in der eigenen Liga von Kanadiern verdrängt zu werden (was einer der Gründe für den unterschwelligen aber latenten Kanadierhass in Schweden ist). Die Nacht im abgelegenen Vegalassen, dem aus dem Boden gestampften Glücksspielzentrum Schwedens, dem ich den Großteil meiner schwedischen Kronen überlassen musste. Es waren schöne Tage.

Ich schaue auf mein Handy, nicht um jemanden anzurufen – Empfang hatte ich zuletzt vor fünf Tagen – sondern um die Uhrzeit zu erfahren. 15 Uhr 30, bald Sonnenuntergang. In einer halben Stunde werden wir von Dunkelheit umringt sein. Für uns heißt das, zur Anlegestelle zurück zu rudern. Das Holz des Ruders schmirgelt die vor Kälte brüchige Haut meiner Handfläche ab. Nächstes mal Handschuhe, denke ich mir.

Freitag, 25. Juni 2010

WM 2010: Europäer in der Krise

"Noch nie hat eine europäische Mannschaft außerhalb des eigenen Kontinents eine Fußball-Weltmeisterschaft gewonnen" - ein Satz, der in England, Deutschland oder Italien gerne als kuriose Laune des Zufalls abgetan wird, könnte sich bei dieser WM in Südafrika einmal mehr bewahrheiten.
Sicher, das Turnier ist noch jung und mit Spanien, der Niederlande, Deutschland, England und Portugal haben sich fünf Europäer für das Achtelfinale qualifiziert, denen der Titelgewinn zuzutrauen ist. Zudem ist mit der Slowakei ein europäisches Team in die Runde der letzten 16 vorgestoßen, dem man dies vor dem Turnier, selbst nach dem zweiten Spieltag der WM, nicht zutrauen konnte. Das kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Europäer die großen Verlierer der Gruppenphase sind.

Lediglich sechs der 13 teilnehmenden Europäer konnten sich für das Achtelfinale qualifizieren, drei davon als Gruppenerste. In keiner der fünf Gruppen, in denen zwei Vertreter der UEFA spielten, konnten sich beide durchsetzen. Nur in einer Gruppe (Gruppe G) ist kein Europäer ausgeschieden. Bezeichnend für das enttäuschende Abschneiden stehen die letztmaligen Finalteilnehmer Frankreich und Italien als sieglose Gruppenletzte, noch hinter den Fußballzwergen Südafrika (Rang 90 der Weltrangliste) und Neuseeland (Rang 78).

Nutznießer der europäischen Schwäche waren vor allem die Südamerikaner. Alle WM-Teilnehmer des südamerikanischen Fußballverbandes CONMEBOL schafften die Qualifikation für das Achtelfinale. In sieben Begegnungen zwischen Europäern und Südamerikanern ging nur einmal der UEFA-Vertreter als Sieger vom Platz: Die Spanier bezwangen Chile 2:1. Wobei sich "La Roja" in den letzten 10 Spielminuten mit dem Ergebnis arrangieren konnte, da die Schweiz im Parallelspiel nicht imstande war, ein Tor gegen die Honduraner zu erzielen.

Neben den Eidgenossen, die am letzten Spieltag nur noch die eigentliche Pflichtaufgabe Honduras hätten bewältigen müssen, daran aber grandios scheiterten, vergaben auch die Serben ihren Matchball gegen aufopferungsvoll kämpfende Australier. Seiner leichten Favoritenrolle wurde Dänemark gegen die Freistoßkünstler aus Japan nicht gerecht. Blutleer quälten sich die Skandinavier bis zum Schlusspfiff. Dass die Altherrenmannschaft aus Griechenland und die Slowenen, die in den Play-Offs überraschend die Russen ausschalteten, die Gruppenphase nicht überstehen würden, war abzusehen. Im Gegensatz zu Frankreich und Italien schöpften beide ihr beschränktes Potential immerhin zumindest annähernd aus.

Die Gründe für das schlechte Abschneiden der Europäer sind dabei weniger im strapaziösen heimischen Ligabetrieb zu suchen. Schließlich verdient der Großteil der nicht-europäischen Spieler, etwa auch bisher herausragenden Akteure ihrer Teams wie Diego Forlán, Gonzalo Higuain, Rafael Marquez, Arturo Vidál oder Lucio, sein Geld in Europa. Vielmehr findet eine weltweite Angleichung des taktischen und spielerischen Niveaus statt.
Neben der traditionell unerbittlichen Defensive von Mannschaften wie Paraguay oder Uruguay (in den sieben Aufeinandertreffen von Südamerikanern und Europäern trafen auf Seiten Europas nur Spanien (2) und Italien (1) ins Tor) setzen die Lateinamerikaner nun auch offensiv Akzente. Die 90er Jahre, in denen Torwart Chilavert der torgefährlichste Paraguayer war und südamerikanische WM-Spieler abseits der brasilianischen oder argentinischen Mannschaft lediglich durch ihre Frisur oder ihre Ermordung auffielen, sind vorbei.

Neben den taktischen und spielerischen Fortschritten der Konkurrenz ist es das Festhalten an alten Taktiken und Spielern, das den Europäern ein Bein gestellt hat:
Dass Otto Rehhagels Griechenland Beton anrührt, war nicht verwunderlich. Dass er gegen Nigeria allerdings den Libero reanimierte, lässt die Vorstellung, dass Rehhagel nach der EM 2004 um ein Haar deutscher Nationaltrainer geworden wäre, noch absurder erscheinen.

Die Italiener verpassten nach dem WM-Sieg 2006 die Verjüngung ihres Kaders. Alte und verdiente Spieler wie Camoranesi, Cannavaro, Gattuso, Zambrotta oder Pirlo wurden flankiert von Mitläufern wie Pepe oder Marchisio. Es ist nicht verwunderlich, dass mit Inter Mailand ein Verein zum Serienmeister avanciert, bei dem Italiener in der ersten Elf eine Seltenheit sind. Alles andere als ein kompletter Umbruch nach dieser WM wäre ein Fehler.

Ähnlich überaltert war die dänische Mannschaft, in der Spieler wie Rommedahl, Tomasson oder Grönkjaer seit dem Karriereende der Laudrup-Brüder vergeblich versuchen, an deren Erfolge anzuknüpfen. Nach der souveränen Qualifikation für das Turnier blieb Danish Dynamite jede Explosivität schuldig.

Noch missglückter war die Kaderzusammenstellung der Franzosen durch den Spielerauswähler Domenech. Hochtalentierte Spieler wie Ben-Arfa, Benzema oder Nasri wurden nicht berücksichtigt, stattdessen abgehalfterte Ex-Stars wie Cissé oder Govou nominiert. Raymond Domenech hatte zu keiner Zeit die Autorität und das Standing, um seine Spieler im Zaum zu halten, sodass die Equipe Tricolore eher einer Hauptschulklasse auf Abschlussfahrt denn einer verschworenen Truppe ähnelte. Es besteht allerdings Grund zur Annahme, dass unter dem angesehenen Laurent Blanc ein Neuanfang glücken wird. Zudem kann kaum ein Land aus einer so ergiebigen Jugendarbeit schöpfen wie Frankreich.


Im Achtelfinale spielen nun die sechs übrigen Europäer die Viertelfinalteilnahme unter sich aus. Waren die Halbfinals der WM 2006 noch eine europäische Exklusivveranstaltung kann man dieses Jahr wohl froh sein, wenn sich überhaupt ein Team dafür qualifiziert. Wenn sich der Ausgangssatz einmal mehr bewahrheiten sollte, kann man zumindest dieses Mal eine Laune des Zufalls als Grund wohl ausschließen.