Freitag, 25. Juni 2010

WM 2010: Europäer in der Krise

"Noch nie hat eine europäische Mannschaft außerhalb des eigenen Kontinents eine Fußball-Weltmeisterschaft gewonnen" - ein Satz, der in England, Deutschland oder Italien gerne als kuriose Laune des Zufalls abgetan wird, könnte sich bei dieser WM in Südafrika einmal mehr bewahrheiten.
Sicher, das Turnier ist noch jung und mit Spanien, der Niederlande, Deutschland, England und Portugal haben sich fünf Europäer für das Achtelfinale qualifiziert, denen der Titelgewinn zuzutrauen ist. Zudem ist mit der Slowakei ein europäisches Team in die Runde der letzten 16 vorgestoßen, dem man dies vor dem Turnier, selbst nach dem zweiten Spieltag der WM, nicht zutrauen konnte. Das kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Europäer die großen Verlierer der Gruppenphase sind.

Lediglich sechs der 13 teilnehmenden Europäer konnten sich für das Achtelfinale qualifizieren, drei davon als Gruppenerste. In keiner der fünf Gruppen, in denen zwei Vertreter der UEFA spielten, konnten sich beide durchsetzen. Nur in einer Gruppe (Gruppe G) ist kein Europäer ausgeschieden. Bezeichnend für das enttäuschende Abschneiden stehen die letztmaligen Finalteilnehmer Frankreich und Italien als sieglose Gruppenletzte, noch hinter den Fußballzwergen Südafrika (Rang 90 der Weltrangliste) und Neuseeland (Rang 78).

Nutznießer der europäischen Schwäche waren vor allem die Südamerikaner. Alle WM-Teilnehmer des südamerikanischen Fußballverbandes CONMEBOL schafften die Qualifikation für das Achtelfinale. In sieben Begegnungen zwischen Europäern und Südamerikanern ging nur einmal der UEFA-Vertreter als Sieger vom Platz: Die Spanier bezwangen Chile 2:1. Wobei sich "La Roja" in den letzten 10 Spielminuten mit dem Ergebnis arrangieren konnte, da die Schweiz im Parallelspiel nicht imstande war, ein Tor gegen die Honduraner zu erzielen.

Neben den Eidgenossen, die am letzten Spieltag nur noch die eigentliche Pflichtaufgabe Honduras hätten bewältigen müssen, daran aber grandios scheiterten, vergaben auch die Serben ihren Matchball gegen aufopferungsvoll kämpfende Australier. Seiner leichten Favoritenrolle wurde Dänemark gegen die Freistoßkünstler aus Japan nicht gerecht. Blutleer quälten sich die Skandinavier bis zum Schlusspfiff. Dass die Altherrenmannschaft aus Griechenland und die Slowenen, die in den Play-Offs überraschend die Russen ausschalteten, die Gruppenphase nicht überstehen würden, war abzusehen. Im Gegensatz zu Frankreich und Italien schöpften beide ihr beschränktes Potential immerhin zumindest annähernd aus.

Die Gründe für das schlechte Abschneiden der Europäer sind dabei weniger im strapaziösen heimischen Ligabetrieb zu suchen. Schließlich verdient der Großteil der nicht-europäischen Spieler, etwa auch bisher herausragenden Akteure ihrer Teams wie Diego Forlán, Gonzalo Higuain, Rafael Marquez, Arturo Vidál oder Lucio, sein Geld in Europa. Vielmehr findet eine weltweite Angleichung des taktischen und spielerischen Niveaus statt.
Neben der traditionell unerbittlichen Defensive von Mannschaften wie Paraguay oder Uruguay (in den sieben Aufeinandertreffen von Südamerikanern und Europäern trafen auf Seiten Europas nur Spanien (2) und Italien (1) ins Tor) setzen die Lateinamerikaner nun auch offensiv Akzente. Die 90er Jahre, in denen Torwart Chilavert der torgefährlichste Paraguayer war und südamerikanische WM-Spieler abseits der brasilianischen oder argentinischen Mannschaft lediglich durch ihre Frisur oder ihre Ermordung auffielen, sind vorbei.

Neben den taktischen und spielerischen Fortschritten der Konkurrenz ist es das Festhalten an alten Taktiken und Spielern, das den Europäern ein Bein gestellt hat:
Dass Otto Rehhagels Griechenland Beton anrührt, war nicht verwunderlich. Dass er gegen Nigeria allerdings den Libero reanimierte, lässt die Vorstellung, dass Rehhagel nach der EM 2004 um ein Haar deutscher Nationaltrainer geworden wäre, noch absurder erscheinen.

Die Italiener verpassten nach dem WM-Sieg 2006 die Verjüngung ihres Kaders. Alte und verdiente Spieler wie Camoranesi, Cannavaro, Gattuso, Zambrotta oder Pirlo wurden flankiert von Mitläufern wie Pepe oder Marchisio. Es ist nicht verwunderlich, dass mit Inter Mailand ein Verein zum Serienmeister avanciert, bei dem Italiener in der ersten Elf eine Seltenheit sind. Alles andere als ein kompletter Umbruch nach dieser WM wäre ein Fehler.

Ähnlich überaltert war die dänische Mannschaft, in der Spieler wie Rommedahl, Tomasson oder Grönkjaer seit dem Karriereende der Laudrup-Brüder vergeblich versuchen, an deren Erfolge anzuknüpfen. Nach der souveränen Qualifikation für das Turnier blieb Danish Dynamite jede Explosivität schuldig.

Noch missglückter war die Kaderzusammenstellung der Franzosen durch den Spielerauswähler Domenech. Hochtalentierte Spieler wie Ben-Arfa, Benzema oder Nasri wurden nicht berücksichtigt, stattdessen abgehalfterte Ex-Stars wie Cissé oder Govou nominiert. Raymond Domenech hatte zu keiner Zeit die Autorität und das Standing, um seine Spieler im Zaum zu halten, sodass die Equipe Tricolore eher einer Hauptschulklasse auf Abschlussfahrt denn einer verschworenen Truppe ähnelte. Es besteht allerdings Grund zur Annahme, dass unter dem angesehenen Laurent Blanc ein Neuanfang glücken wird. Zudem kann kaum ein Land aus einer so ergiebigen Jugendarbeit schöpfen wie Frankreich.


Im Achtelfinale spielen nun die sechs übrigen Europäer die Viertelfinalteilnahme unter sich aus. Waren die Halbfinals der WM 2006 noch eine europäische Exklusivveranstaltung kann man dieses Jahr wohl froh sein, wenn sich überhaupt ein Team dafür qualifiziert. Wenn sich der Ausgangssatz einmal mehr bewahrheiten sollte, kann man zumindest dieses Mal eine Laune des Zufalls als Grund wohl ausschließen.

2 Kommentare:

  1. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  2. Kleiner Nachtrag: Ja, ich weiß, dass mein Eintrag letztlich Lügen gestraft wurde. Aber wenn Sportjournalisten ohne Konsequenzen jede Woche Theorien aufstellen können, die sich 7 Tage später als totaler Nonsense herausstellen, darf ich das schon lange.

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