Alexander zieht an seiner Sunderlind-Zigarette und starrt gebannt auf die glatte Wasseroberfläche des Bastov-Sees, ungefähr 80 Kilometer nördlich von Stockholm. Geschlagene drei Stunden treiben wir beide nun schon in einer Walnussschale von Fischerboot auf der Stelle. Hätte ich gewusst, dass es derart lange dauern würde, eines der angeblich köstlichen Bastov-Seepferdchen zu angeln, hätte ich wohl doch das Angebot von Marit angenommen, zum alljährlichen Massen-Schienbein-Treten nach Föderquist mitzukommen.
Aber nun sitze ich frierend hier, Dezember 2010, abseits jeglicher Zivilisation in Schweden, das Verbot der Dynamitfischerei verfluchend. Alexander ist 53, ein alter Haudegen. Wir haben uns am Abend zuvor in der Dorfkneipe in Höckersund beim klassischen schwedischen Schnaps-Snooker (man trinkt abwechselnd Kirschlikör und einen anderen Schnaps, dabei sitzt man im Vergleich zum norwegischen Schnaps-Billard an einem größeren Tisch) kennengelernt. Auch wenn er für einen Schweden erstaunlich schlechtes Englisch spricht, ist es ein geselliger Abend, an dem wohl irgendwann die heutige Angeltour vereinbart wurde.
Alexander hat früher einen Gardinenladen gehabt, erzählt er mir im Boot. Den naheliegenden schlechten Witz behalte ich dämlich grinsend für mich, Alexander versteht kein Deutsch. Als seine Versicherung nach einem Brand die Zahlungen verweigerte, musste er schließen und zog zurück nach Höckersund, das Dorf seiner Kindheit, um sein Hobby, das Seepferdchenangeln, zum Beruf zu machen. Höckersund, bis zum 16. Jahrhundert Drehkreuz des skandinavischen Fischhandels, war schon zu Zeiten der Wikinger für seine schmackhaften Bastov-Seepferdchen-Hengste bekannt. Heute arbeiten nur noch eine Handvoll Traditionalisten in diesem Gewerbe. Die jungen Leute zieht es in die Ferne. Sie suchen ihr Glück in der IT-Branche oder als Badmintonspieler in der renommierten und zahlungskräftigen schwedischen Profiliga.
„Normalerweise beißen sie schneller an“, sagt er. Er ist ungeduldig geworden. Die klirrende Kälte nimmt einem jede Lust, zu sprechen. So kauere ich schweigend auf meinem Holzbalken, deute ein Nicken an und blicke flehend auf die Angelrute, die mir Alexander überlassen hat. Nichts. Am Angelhaken steckt ein Ballen Heuschrecken. Alle 20 erfolglose Minuten müssen wir sie austauschen, da sie nach dieser Zeit jeglichen Geruch verloren haben und damit als Köder unbrauchbar werden.
Ich versinke in Gedanken an die letzten Tage, die ich in der schwedischen Pampa verbracht habe: Der Tag im dichten Nadelwald von Hydarby, der grünen Lunge Schwedens, die täglich um die Fläche zweier Fußballfelder größer wird. Der Besuch beim königlichen schwedischen Curling-Internat, in dem Curling-Talente täglich vier Stunden Taktiken pauken, um letztlich in der eigenen Liga von Kanadiern verdrängt zu werden (was einer der Gründe für den unterschwelligen aber latenten Kanadierhass in Schweden ist). Die Nacht im abgelegenen Vegalassen, dem aus dem Boden gestampften Glücksspielzentrum Schwedens, dem ich den Großteil meiner schwedischen Kronen überlassen musste. Es waren schöne Tage.
Ich schaue auf mein Handy, nicht um jemanden anzurufen – Empfang hatte ich zuletzt vor fünf Tagen – sondern um die Uhrzeit zu erfahren. 15 Uhr 30, bald Sonnenuntergang. In einer halben Stunde werden wir von Dunkelheit umringt sein. Für uns heißt das, zur Anlegestelle zurück zu rudern. Das Holz des Ruders schmirgelt die vor Kälte brüchige Haut meiner Handfläche ab. Nächstes mal Handschuhe, denke ich mir.
erste Sahne!!!
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